Reisebericht London Dezember 2012

Der Winter gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsjahreszeiten, Kälte, Dunkelheit und Schnee begünstigen mein Fernweh enorm. Zu meinem Geburtstag im Juli schenkt mein Freund mir eine Christmas-Shopping-Reise nach London und ich freue mich riesig. In diesem Jahr meint es der Winter aber gar nicht gut mit mir, bei -13 Grad rutsche ich auf einer Eisfläche derart unglücklich aus, dass ich mir übel den Fuss verdrehe und dabei zwei Bänder anreisse. Die Einlösung meines Geburtstagsgeschenkes steht auf dem Spiel, vier Tage lang bin ich quasi bewegungsunfähig.

Zwei Tage vor dem Abflug gibt mir meine Ärztin grünes Licht für den Flug und befreit mich von der sperrigen Beinschiene. Sie rüstet mich mit Stützverband und Kühlpflastern aus und ermuntert mich dazu, mir dieses tolle Wochenende auf keinen Fall entgehen zu lassen. Ein Zuckerschlecken wird es nicht werden, aber wo ein Wille, da ein Weg.

 

Nach ersten Gehversuchen mit den Krücken und dem Tag auf der Arbeit bin ich so geschafft, dass mir die London-Reise als riesige Herausforderung erscheint. Meine Gefühle sind gemischt, schlussendlich siegt aber die Vorfreude und das Fernweh.

 

 

Tag 1: London calling!

 

Der Zufall will es, dass ein Teil des diesjährigen Firmen-Weihnachtsanlasses in der Region Basel stattfindet, so dass ich mich direkt nach diesem Programmpunkt mit Bus und S-Bahn ohne grössere Schwierigkeiten zum Hauptbahnhof Basel begeben kann. Hier werde ich bereits von meinem Freund erwartet. Am EuroAirport Basel bringen wir die Sicherheits- und Passkontrolle hinter uns, danach gilt es keine grösseren Hindernisse mehr zu überwinden bis zum Gate.

 

Im EasyJet-Flieger kann ich meinen Sitzplatz mit einem freundlichen Herrn abtauschen, der Hochlagerung meines Fusses steht nun nichts mehr im Wege. Der Abflug verzögert sich leicht, es gibt nicht genügend Platz für alle Handgepäckstücke. Einige Rollkoffer werden wieder ausgeladen und im Gepäckraum verstaut.

M&Ms
M&Ms

Nach einer guten Stunde Flugzeit erreichen wir London-Gatwick um 21.45 Ortszeit. Leider ist der Ausgang zum Dock defekt, nun bleiben nur die Treppen um das Flugzeug zu verlassen. Als wäre dies nicht genug, folgen noch weitere Stufen und gefühlte kilometerlange Wege. Meine Oberarme brennen, mein Arbeitskollege prophezeite mir bereits muskulöse Oberarme nach der Zeit mit den Krücken. Bei der Einreise erweisen sich die Gehhilfen aber als Vorteil, eine nette Dame schleust uns durch eine Abkürzung an den Warteschlangen vorbei. 

 

Für den Transfer in die Stadt haben wir bereits vor einiger Zeit Plätze im EasyBus reserviert. Das Preissystem ist gleich wie bei den Flügen, wer sich früh festlegt fährt für unglaubliche 2£ ins Stadtzentrum.

Leider verpassen wir den reservierten Bus, haben aber das Glück, dass der nachfolgende noch freie Plätze hat. Vorrang haben aber selbstverständlich die Passagiere mit Reservationen für den entsprechenden Bus. Wer also auf Nummer sicher gehen will, plant entweder genügend Zeit ein oder reserviert sicherheitshalber mehrere Busse.

 

Nach einer Stunde erreichen wir West Brompton, ab hier ist es noch ein kurzer Fussmarsch zum Hotel. Ich bin allerdings geschafft, wir kürzen mit einem Taxi auf den letzten Metern ab. Das Hotel K+K George macht einen tollen ersten Eindruck, dieser bestätigt sich auch im Zimmer. Wir sind dankbar für den guten Tip und setzen uns an das gemütliche Kaminfeuer in der Lobby und geniessen die schöne Stimmung mit einen herrlichen Tee.

Tag 2: London in Slow Motion...

 

Den heutigen Tag starten wir früh, bereits um 7.00 suchen wir das tolle Frühstücksbuffet auf. Frisches Obst, Joghurt, Cerealien, Tee, Kaffee, Säfte, Sekt, deftige Würstchen, weisse Bohnen, Salate, Brötchen, Fleisch-, Käse- und Fischplatten, Rührei...es werden wirklich keine Wünsche offen gelassen. Die Qualität ist hochwertig, der Start in den Tag ein Genuss.

 

Die U-Bahn-Station Earl's Court ist nur wenige Meter vom Hotel entfernt, hier starten wir den Tag. Wir lösen für 7£ Tageskarten für die London Underground und fahren direkt los bis zur Station Hammersmith.

 

 

 

Der Tube-Plan ist äusserst hilfreich, sämtliche rollstuhlgängigen U-Bahn-Stationen sind markiert. So gelangen wir sowohl beim Umsteigen in Hammersmith wie auch an der Zieldestination Wood Lane ohne Treppenstufen zum Ausgang. Die riesige Westfield-Mall soll mich während der nächsten Stunden beschäftigen. Mein Freund verabschiedet sich für eine Weile, er hat einen Termin bei seinem Kollegen, er wird von ihm weiter verschönert.

 

Die Mall ist riesig, genau wie in den USA. Ich freue mich und schleiche im Schneckentempo von Shop zu Shop. Da mein Fuss ziemlich schmerzt, muss ich immer wieder pausieren, Sitzmöglichkeiten gibt es aber glücklicherweise genügend. Um 9.00 ist das Einkaufszentrum noch fast leer und ich komme recht gut voran.

Meine grosse Passion liegt eigentlich bei den Schuhen, diese kann ich aber unmöglich anprobieren im Moment. Ich bummle durch die Etagen und bin beeindruckt. Die Mall ist sehr hell und sauber, bei jedem Londonbesuch auf jeden Fall einen Besuch wert. Passend zur Jahreszeit wurde im Zentrum der Mall eine Eisbahn aufgebaut.

 

So langsam habe ich es hier gesehen, zudem drückt die Sonne hell durch die Decke. Es zieht mich regelrecht ins Freie und ich beschliesse, London auf eigene Faust zu erleben. Ich hinke am BBC-Komplex vorbei zur U-Bahn Station White City und fahre bis Bond Street, direkt ins Getümmel der Oxford Street.

 

Hier geht es wesentlich lebhafter zu und her, sofort merke ich, dass dies hier nichts für mich ist im Moment. Ich fühle mich von allen Seiten bedrängt und habe Angst um meinen Fuss. Ich steche in die nächste Seitenstrasse und treffe mit der South Molton-Street eine gute Wahl. Die Luxuseinkaufsstrasse ist autofrei, schön breit und wenig bevölkert. Hier kann ich mich in meinem eigenen Tempo bewegen.

 

Ich erblicke eine Starbucks-Filiale und nutze die Gelegenheit, meinen Fuss etwas hochzulagern. Das Wetter ist so toll, dass ich mich draussen hinsetzen kann. Die Schmerzen haben nachgelassen, jetzt fühle ich mich herrlich entspannt und bin äusserst froh, dass ich die Reise nicht abgesagt habe.

Wenige Meter entfernt befindet sich Victoria's Secret. Ein kurzer Besuch muss sein, auch wenn dies beinahe einem Selbstmordversuch gleich kommt. Die Europäerinnen sind verrückt nach der Ware! Ich war schon in unzähligen Filialen in den USA, aber sowas habe ich noch nie erlebt. Ein kleines Souvenir muss reichen, anprobieren ist unmöglich. Es bleibt die Hoffnung, dass die Kette in Europa expandiert.

 

Die Brook Street bringt mich zu einem kleinen Park, dem Hanover Square. Schon wieder brauche ich eine kurze Pause, die Parkbank bietet dazu optimale Gelegenheit. Ich bin mittlerweile ganz froh, alleine unterwegs zu sein, so lahm wie ich heute zu Fuss bin, stelle ich eine harte Geduldsprobe für meine Mitmenschen dar.

 

 

Mein eigentliches Ziel ist die Carnaby Street. Die Rolling Stones-Weihnachtsdekoration will ich mir nicht entgehen lassen. Weit ist es nicht mehr, nur die Überquerung der Regent Street stellt eine weitere Herausforderung dar. Es scheint mir, als wären sämtliche Touristen genau jetzt hier, zudem erweist sich die Ampelschaltung als Problem. Die Grünschaltung ist nicht für langsame Geher eingestellt. Überfahren werde ich nicht, trotzdem gibt es eine gute Portion Adrenalin für mich. Die berühmte Strasse ist richtig cool dekoriert, hier gefällt es mir. Ich verweile etwas und schlendere durch die Shops. Meinem Dad würde es hier auch gut gefallen - er liebt die Rolling Stones.

Die nächste U-Bahn-Station ist Piccadilly Circus, also mache ich mich auf den Weg dahin. Leider hat diese Station viele Treppenstufen. Mein Gang ist jetzt schleppender, die Schmerzen wieder stärker. Ein äusserst aufmerksamer Stadtangestellter fragt mich, ober er mir helfen könne, eine Ambulanz oder ein Taxi rufen soll. Das Taxi nehme ich gerne an, ich lasse mich zur nächsten behindertengerechten U-Bahn-Station Westminster fahren und erhasche dabei einen tollen Blick auf den Big Ben und das London Eye.

 

Nun ist es auch nicht mehr weit zum Tower of London, ich entscheide mich für eine direkte Fahrt nach Tower Hill. Das Wetter ist wunderschön, die Sonne und die Wärme tun mir unheimlich gut.

In der Zwischenzeit erreicht mich eine SMS von meinem Freund, er ist fast fertig. Mit U-Bahn und Taxi fahre ich zu Horikitsune, um mir das Werk anzusehen und Alex zu begrüssen. Viel Zeit bleibt nicht, bereits klingelt an der Tür der nächste Kunde, er ist heute aus Köln eingeflogen. Wir verabschieden uns, fixieren den nächsten Termin und schnappen uns ein Taxi and die Connaught Street, zum Shop des Meisters von Alex.

 

Der Shop von Horiyoshi III ist klein aber fein. Wir sind begeistert, seine Motive, sein Artwork treffen genau unseren Geschmack. Im Rahmen unserer Japan-Reise 2010 haben wir sein Tattoo-Museum in Yokohama besucht.

 

Die Ware ist beinahe unerschwinglich, trotzdem erfülle ich mir einen langgehegten Traum: Mein erster Horiyoshi-Schal! Im Kellergeschoss gibt es  - allerdings erst auf Nachfrage hin - ein "Outlet"-Zimmer. Ich platze schier vor Freude. 

 

 

 

Nach der anstrengenden Session braucht mein Freund etwas in den Magen, ich stelle fest, dass ich ebenfalls seit heute früh nichts mehr gegessen habe. Wir lassen uns zum Hard Rock Café chauffieren, ziehen aber aufgrund der Wartezeit von 1.15h direkt weiter ins Rose&Crown-Pub gegenüber. Wir ruhen uns etwas aus, stillen den Hunger und planen den weiteren Verlauf des Abends.

 

Den ersten Plan müssen wir direkt wieder verwerfen, wir wollen eigentlich das Winter Wonderland mit Eisskulpturen und Weihnachtsmarkt im Hyde Park besuchen. Schon beim Eingang gibt es kein Durchkommen mehr, Familien mit Kinderwagen und Nikoläuse auf Rollerblades sind für meinen Fuss nicht tauglich. Zudem sehe ich im Dunkeln kaum wo ich auf dem unebenen Boden hintrete. Da leider die ganze U-Bahn-Station nur für ankommende Besucher des Spektakels geöffnet ist, müssen wir schon wieder ins Portemonnaie greifen und ein Taxi bezahlen. Carnaby Street zum Zweiten, jetzt im Dunkeln.

Am Piccadilly Circus vorbei spazieren wir zum Leicester Square und trauen unseren Augen kaum - weit über hundert Nikoläuse säumen den Platz. Wir finden heraus, dass es sich dabei um die Santacon UK handelt, Beginn war wohl schon am frühen Nachmittag. Dementsprechend alkoholisiert torkeln einige Santas über den Platz.

 

Die Weihnachtsbeleuchtungen kommen nun richtig zur Geltung, ganz London glitzert hell.

 

 

London hat seit kurzem ebenfalls eine M&M-World, richtig schön gemacht ist der Laden. Für mich bleiben die anderen Etagen allerdings unerreichbar, mehrere Treppen schaffe ich heute nicht mehr. Ist aber nicht weiter schlimm, ich habe heute weitaus mehr geschafft, als ich mir vor dem Reiseantritt ausgemalt hatte. Somit bin ich äusserst zufrieden mit dem Verlauf des Tages.

 

Wir entscheiden uns zur Rückkehr ins Hotel und versuchen, in die U-Bahn-Station Leicester Square zu gelangen. Am Samstag Abend während der Christmas Shopping-Zeit bleibt es ziemlich lange beim Versuch. Geschlagene 20 Minuten brauchen wir, bis wir am Bahnsteig ankommen. Bahnpersonal versucht hilflos, die Menschenmengen in annähernd geordnete Bahnen zu lenken. Ich bin froh als ich heil in der Tube sitze.

Nach einer ausgiebigen Dusche und Pause setzen wir uns wieder in die Lobby unseres schönen Hotels.

 

Die Atmosphäre ist schön heimelig und gemütlich, genau das Richtige für uns beide heute. Wir entspannen uns bei leckeren Drinks und genehmigen uns später sogar noch einen Angus-Burger mit Salat im hauseigenen Restaurant.

 

Geschafft, aber äusserst zufrieden fallen wir ins Bett und schlafen herrlich.

Tag 3: Letzer Tag meiner 5. Londonreise

 

Mit Ausschlafen ist auch heute nichts, wir sind und bleiben unverbesserliche Frühaufsteher. Bis 7.00 nutzen wir die Zeit zum Aufräumen und Zusammenpacken. Pünktlich stehen wir im Frühstücksraum auf der Matte, heute darf es sogar ein Gläschen Sekt sein. Wir geniessen das hervorragende Buffet ein zweites Mal und freuen uns sehr über das trotz aller Widrigkeiten gelungene Wochenende.

Unser Bus zum Flughafen geht um 10.30, es bleibt uns also noch genügend Zeit um die Gegend zu erkunden. Mir ist es lieber, in der Nähe zu bleiben, bin aber heute bereits wieder ein kleines bisschen besser zu Fuss unterwegs. Unsere erste Station ist die 24h-Pharmacy um Bepanthen-Nachschub aufzutreiben.

 

Auf dem Retourweg legen wir bei Starbucks eine Pause ein und setzen uns ans Fenster. Hier lässt es sich gut verweilen, easy Sundaymorning-Feeling kommt auf.

Mit neuer Energie spazieren wir auf die gegenüberliegende grosse Querstrasse, die Warwick Road. Hier erblicken wir den Vordereingang des Earls Court Exhibition Centre. Grosse Veranstaltungen wie Konzerte, die Brit Awards oder Sportwettkämpfe werden hier regelmässig ausgetragen. Heute scheint allerdings nichts geplant zu sein.

 

Nun ist es an der Zeit, die Rucksäcke abzuholen uns uns auf den Weg zum Flughafen zu machen.

Der EasyBus ist bis auf den letzten Platz besetzt, Reisende mit gültigen Tickets für Busse mit anderen Abfahrtszeiten haben keine Chance, einen Platz zu ergattern. Am Flughafen klappt alles hervorragend, wir erhalten wieder Hilfe bei der Sicherheitskontrolle und werden über eine Abkürzung vorgelassen.

 

Auch EasyJet zeigt sich von der netten Seite, direkt nach den Speedy Boarding-Passagieren werden wir ins Flugzeug gelassen. Mein Freund meint lachend, wir sollten die Krücken ab sofort immer mitnehmen.

Fazit: Auch mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit ist eine Flug-/Städtereise gut möglich. Einige Pounds mussten wir zusätzlich in Taxis investieren, ansonsten ist das U-Bahn-System von London sehr gut eingerichtet für Gehbehinderte.

 

Ich bereue die Reise keine Sekunde und ermutige alle dazu, es ebenfalls zu versuchen in einer ähnlichen Situation.